Wusstest du, dass es in Deutschland über 500 Bienenarten gibt? Du magst gerne cremigen Honig und möchtest wissen, was das über dich aussagt? Dann haben wir heute den passenden Post für dich! Wir haben Anfang Juni den Kasseler Imker Victor Hernández getroffen und von ihm viel über Bienen gelernt und auch, wie jeder von uns etwas gegen das Bienensterben tun kann.

Der Kasseler Stadtimker Victor Hernández im Gespräch

Hallo Victor, toll, dass wir dich besuchen können! Erzähl mal ein wenig zur Geschichte der Kasseler Stadtbienen.

2010 ist das Imkern als Hobby gestartet und eigentlich ist es das immer noch. Aber mittlerweile gibt es einen eigenen Laden (in der Holländische Straße 82) und ich habe zwischen 70 und 100 Völker an 16 Standorten in ganz Kassel verteilt.

Hast du damals gedacht, dass das so anlaufen würde?

Nein, überhaupt nicht. Ich suchte einen Zeitvertreib in der Natur. Da eine andere große Leidenschaft, das Kochen ist, interessiere ich mich natürlich auch für Lebensmittel. Ich habe z.B. gelernt wie man Käse macht, ich habe einen Angelschein gemacht und Seminare besucht, um zu lernen wie man Ahle-Wurst selbst herstellt. Dazu kam mein journalistisches Interesse, das Hinterfragen Wie geht das? Wer macht das warum und wie? Wieso verzichtet der eine auf irgendwelche Zusätze und der andere nimmt sie? Das hat mich immer umgetrieben.

Dann hat eine Freundin gesagt „Victor, du musst mehr vegetarische Sachen machen“. Es war nicht ganz uneigennützig von ihr. Sie kam gerade aus Prag zurück, und dort gab es Stadtbienen. Dann hat es eine Weile gebraucht und ich dachte „Bienen, die hatte ich im Biologie-Unterricht, mega komplex und außerdem habe ich gar keinen Garten. Wo soll ich die hinstellen?“ Ich wohnte damals aber in einem Mehrfamilienhaus mit Flachdach. Das haben wir als Studenten oft genutzt, um darauf zu grillen oder abends mal an der frischen Luft ein Bierchen zu trinken. Und dann dachte ich, dann stell ich die Bienen doch dahin. Zwei Jahre bin ich um die Bienen herumgetänzelt, habe Seminare besucht und Imker befragt. Die sagten mir, dass ich gar keinen Garten brauche, weil ich doch den Hauptfriedhof direkt vor der Nase habe. Da gingen mir die Augen auf. Und wenn man das ganze Morbide ausblendet, die Trauer, dann ist ein Friedhof aus Sicht der Bienen ein Paradies. Es ist Artenvielfalt pur. Das spiegelt sich dann im Honig wider, und deshalb wurde mein erster Honig auch gleich vom Landesverband der hessischen Imker mit Gold prämiert.

Dann habe ich mir gedacht, wenn die Nordstadt Gold prämiert ist, wie schmeckt denn dann wohl Wilhelmshöhe? Einer anderen Freundin gehört dort ein Hotel. Dort konnte ich ebenfalls Bienen auf das Dach stellen. Der Honig wird seither dort beim Frühstücksbuffet angeboten.

Das Naturerlebnis Biene kann man wunderbar teilen mit anderen Menschen, mit Interessierten. Und das ist sehr bereichernd. Das gibt mir viel. Wenn ich Schulklassen hier habe – bis jetzt (Anfang Juni 2019) – hatte ich hier schon ca. 50 Gruppen, dann ist mein Ansatz immer „was ich kenne, kann ich schützen“. Je eher man Kinder sensibilisiert für die Bedeutung der Biene, umso eher kann man sie auch sensibilisieren für die Natur. Ich bin nicht der Hardcore-Öko, aber irgendwie kommen wir um das Thema nicht wirklich herum.

Wie hält man Bienen bei Laune?

Zum Verständnis: In einem Kasten lebt ein Volk mit seiner Königin, und es können bis zu 80.000 Bienen in diesem einem Kasten hausen. Victor hat 16 Standorte in Kassel und beschäftigt zwischen 2,5 und 5 Millionen „Mitarbeiterinnen“.

Was machst du, um deinen vielen Bienen bei Laune zu halten? Ich hege und pflege sie, halte sie gesund, bringe sie sicher durch den Winter, schütze sie gegen die Varroa-Milbe, das ist ein weltweit verbreiteter Parasit, und wenn ich alles richtig mache, dann werde ich belohnt mit Honig. Dann habe ich auch was zu ernten.

Wie argumentierst du, wenn du hörst, dass Honig essen bedeutet, dass man den Bienen etwas wegisst?

Wir atmen auch anderen Lebewesen die Luft weg, wir zerstören anderen Lebewesen den Lebensraum. Wo fangen wir an? Das muss jeder für sich, ohne missionarisch unterwegs zu sein, definieren.

Die Bienen hungern auch nicht. Sie bekommen was im Tausch, oder?

Zunächst mal, wir ernten 1/3 von dem was die Bienen gesammelt haben. 2/3 belassen wir ihnen in jedem Fall. Aber auch dieses eine Drittel muss zurückgegeben werden. Das ist nur fair. Bienen sammeln – gerade hier in der Stadt – auf Überschuss, weil man nicht weiß, wie lange der nächste Winter wird. Der Winter kann im Februar zu Ende sein, so wie dieses Jahr, er kann aber auch bis April gehen. Und dann brauchen sie diesen Puffer. Und diesen Puffer muss ich zurückgeben in Form einer Zuckerlösung. Es hat sich in wissenschaftlichen Studien gezeigt, dass Bienen sogar besser auf Zuckersirup überwintern als mit dem eigenen Honig, denn die Zuckerlösung ist leichter verdaulich.

Das Thema Bienensterben ist in den Medien sehr präsent und das zu Recht. Was kann jeder von uns tun, um diesem negativen Trend entgegen zu wirken, selbst wann man keinen eigenen Garten hat?

Das Thema Bienensterben ist abstrakter zu verstehen. Wir müssen begreifen, dass das Bienensterben ein Symbol für den Rückgang der gesamten Natur und für die Verdrängung durch den Menschen ist. Es geht um den Rückgang aller Bienenarten, aller Insekten, aller Vogelarten. Wir haben in Deutschland 560 Wildbienenarten, die meisten haben wir gar nicht auf dem Schirm, die meisten kennt man gar nicht.

Und wir leben als gäbe es kein Morgen mehr. Völlig über unsere Verhältnisse. Alle Bausteine unseres Ökosystems sind massiv bedroht durch unser Konsumverhalten. Und natürlich können wir bunt blühende Bienenweiden aussähen und Pflanzen aussuchen, die schön sind für Bienen und Nektar geben. Das ist aber eigentlich nur Augenwischerei, wenn wir unser Konsumverhalten und die politischen Rahmenbedingungen nicht auch anpassen.

Die wenigsten machen sich Gedanken darüber woher ihr Fleisch auf dem Marken-Grill kommt. In Deutschland bauen die wenigsten eine Beziehung zum örtlichen Metzger auf, jemand der nicht 200 Schweine hat, sondern nur 20 und der Qualität verkauft. In anderen Ländern, wo das Pro-Kopf-Einkommen deutlich geringer ist, macht man das aber. Da kauft man beim Bauern das Schwein und automatisch entsteht eine ganz andere Wertschätzung zu dem Steak auf dem Grill. Ich persönlich habe nicht jeden Tag Fleisch auf dem Tisch, ich habe aber auch nicht jeden Tag Honig auf dem Tisch. Unsere Maßlosigkeit zerstört am Ende nicht nur die Natur, sondern uns selbst.

Wenn ich meinen Garten oder den Balkon mit bienenfreundlichen Blumen bestücken möchte, welche Pflanzen kannst du empfehlen?

Generell gilt, keine Zuchtblumen verwenden, die mit üppiger, aber geschlossener Blüte, keinen Weg zu den Nektarien bieten. Die alten, wilden Sorten sind da einfach besser. Wenn man auf den Stempel einer Blüte blicken kann, da ist für Bienen meisten auch etwas zu holen. Konkret eignen sich:

  • Sonnenhut
  • Kugeldistel
  • Fette Henne
  • Sonnenblume
  • Akazien
  • Lavendel
  • Glockenblumen
  • Krokus
  • Astern
  • Katzenminze

und noch viele andere Pflanzen. Eine komplette Liste mit bienenfreundlichen Pflanzen und weiteren Tipps hat uns Victor freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Eine Kopie kannst du dir gerne zu den Öffnungszeiten bei uns im Büro abholen.

Was hältst du von fertigen Saatmischungen?

Die sind super! Die biete ich auch an. Ich habe mit Samen Rohde hier in Kassel eine Saatmischung entwickelt – die Kasseler Stadtbienenweide – und da haben wir Blumen drin, die nicht wie Unkraut aussehen, also schöne Blumen für den Menschen und dazwischen welche, die durchgängig blühen und den Insekten was bieten.

Welcher Standort des Stadthonigs ist am beliebtesten?

Generell ist immer der Standort beliebt, in dem man selbst lebt. Weil dann die Vorstellung mitschwingt, dass die Bienen, die diesen Honig gemacht haben, meinen Balkon und meinen Garten besucht haben könnten. Was wir immer wieder feststellen ist, dass die Leute bei Verkostungen sagen „der hier, der ist besonders lecker. Wo kommt der her?“  „Aus der Nordstadt“ „Ach nee, aus der Nordstadt möchte ich nicht, dann nehme ich lieber Wilhelmshöhe“. Auch der Honig vom Staatstheater ist beliebt, weil er als „Kulturhonig“ wahrgenommen wird. Aber natürlich ist der Honig von einem Stadtteil nicht besser als der von einem anderen.

Warum ist mancher Honig zäh und dickflüssig und anderer flüssig und fast durchsichtig?

Jeder Honig ist erst mal flüssig, so fließt er beim Ernten aus der Wabe. Und jeder Honig kristallisiert mit der Zeit. Es ist eine eher deutsche Eigenschaft, dass man diesem Kristallisation-Prozess durch ein langsames, aber konstantes Rühren – beim dem die Kristalle aufbrechen – zu einer Creme verhilft. Allerdings ist das nur etwas rein Mechanisches, da ist nichts hinzugegeben. Wie man den Honig am liebsten mag, ist reine Geschmackssache. Deutsche werden dir immer sagen, cremig ist besser, denn dann fließt er nicht vom Brötchen. In südlichen Ländern bevorzugen die Menschen flüssigen Honig, weil sie damit verbinden, dass er naturbelassener ist. Aber beide Varianten sind naturbelassen.

Wie isst du deinen Honig am liebsten?

Direkt am Bienenvolk aus der Wabe.

Vielen Dank für das lehrreiche Interview und dass wir uns in deinem Laden einmal umsehen konnten. Dort könnt ihr den Kasseler Stadthonig kaufen und sogar Honig von befreundeten Imkern in ein mitgebrachtes Glas abfüllen lassen. Außerdem gibt es dort noch jede Menge Lebensmittel und Kosmetikartikel, die Honig enthalten sowie die Samenmischungen.

Aktuelle Touren und Imkerkurse findet ihr auf der Homepage der Stadtbienen. Auf Facebook ist Victor Hernández übrigens auch. Die Facebook Fanpage heißt Kasseler Stadthonig.